Britta Dohr Coaching

Stress ist ansteckend – und du merkst es zuletzt

Stress springt von Mensch zu Mensch

„Ist mir nicht aufgefallen.“

Das war die zweithäufigste Antwort, als ich vor einigen Wochen rund 150 Menschen in einem Online-Vortrag gefragt habe: Wie oft haben Sie in der letzten Woche Stress von jemandem übernommen? Die häufigste Antwort lautete „mehrmals“. Und gleich dahinter kam dieser Satz.

Beides zusammen beschreibt das Problem ziemlich genau. Stress wandert – und die meisten von uns bekommen die Wanderung nicht mit.

Wie Anspannung überspringt

Stell dir einen ganz normalen Dienstag vor. Jemand kommt gehetzt aus einem Meeting, du stellst eine harmlose Frage, und die Antwort fällt eine Spur schärfer aus als nötig. Nichts Dramatisches, niemand hat etwas Böses gewollt. Du denkst nicht weiter darüber nach.

Zwei Stunden später bist du selbst schnippisch zu jemandem, der dafür nichts kann.

Dazwischen liegt kein bewusster Entschluss. Was dazwischen liegt, hat einen Namen: emotionale Ansteckung. Die Forschung beschreibt damit, wie Gefühlszustände zwischen Menschen überspringen – über Tonfall, Sprechtempo, Körperspannung, Mimik. Das läuft schnell, es läuft ohne Worte, und vor allem läuft es unterhalb der Wahrnehmung. Genauso wie Gähnen: Niemand entscheidet sich zu gähnen, weil der Kollege gegenüber gähnt. Es passiert einfach.

Bei Gähnen ist das harmlos. Bei Anspannung wird es zum Thema.

Warum dein Kopf da nicht einfach nein sagen kann

Die naheliegende Reaktion lautet: Dann muss ich mich eben besser abgrenzen. Das klingt vernünftig – es verkennt nur, wie alt das zuständige System ist.

Dein Gehirn ist darauf gebaut, den Zustand anderer blitzschnell mitzulesen. In kleinen Gruppen war das überlebenswichtig: Wer erst nachfragte, warum alle plötzlich rennen, lernte den Grund meistens persönlich kennen. Dieses Frühwarnsystem läuft bis heute mit, es hat nur den Einsatzort gewechselt – vom Waldrand ins Großraumbüro, in die Videokonferenz, an den Küchentisch.

Dazu kommt ein zweiter Punkt, der oft unterschätzt wird: Dein Körper unterscheidet nicht besonders sorgfältig, wessen Stress er da gerade verarbeitet. Die Anspannung des Kollegen löst bei dir dieselbe Kaskade aus wie eigener Ärger – Puls, Muskelspannung, Wachheit. Das ist kein Charakterfehler und kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Programm, das zuverlässig funktioniert. Manchmal zu zuverlässig.

Und weil unser Gedächtnis Unangenehmes gründlicher speichert als Angenehmes, bleibt die übernommene Anspannung länger, als ihr Anlass es rechtfertigt. Die kurze scharfe Bemerkung vom Morgen färbt auf das Mittagsgespräch ab, auf die Entscheidung am Nachmittag, auf den Abend. Ein Lob von gestern hält selten so lange durch. Die Gewichte sind ungleich verteilt – ab Werk.

Der Punkt, an dem du eingreifen kannst

Jetzt die entlastende Nachricht: Du musst das System nicht abschalten. Das ginge ohnehin nicht.

Du brauchst nur einen früheren Zeitpunkt.

Zwischen dem Moment, in dem die Anspannung bei dir ankommt, und dem Moment, in dem du sie weitergibst, liegt ein Fenster. Es ist klein, aber es existiert – und es kündigt sich an. Der Körper meldet sich meistens zuerst, noch bevor du irgendetwas fühlst oder denkst.

Bei mir sind es die Schultern, die am Schreibtisch Richtung Ohren wandern. Und im Kontakt mit anderen werde ich knapper. Ehrlich gesagt: unfreundlich. Andere erkennen es am Kiefer – manche erst abends beim Zähneknirschen. Wieder andere daran, dass die Gedanken anfangen zu kreisen, dass der innere Ton gereizter wird, dass plötzlich alle um sie herum unfähig wirken. Wenn dir das passiert, lohnt der Gedanke: Vielleicht hat sich nicht dein Umfeld verändert, sondern dein Zustand.

Die dritte Ebene bemerken meistens andere vor dir: Du wirst knapper, unterbrichst häufiger, antwortest eine Spur zu spitz, und die Tür fällt lauter zu als sonst. Frag ruhig mal die Menschen um dich herum – die zählen dir deine Signale erstaunlich präzise auf.

Deine Aufgabe ist nur, dein frühestes Signal zu kennen. Nicht alle. Eines.

Drei Werkzeuge, die nichts kosten

Wenn du das Signal hast, brauchst du etwas, das du damit tun kannst. Drei Dinge reichen, und keines davon verlangt Ausrüstung, Vorbereitung oder eine halbe Stunde Rückzug.

Der Zustands-Check. Ein kurzer Blick nach innen, bevor du von einer Situation in die nächste gehst: vor dem Termin, vor dem Anruf, abends an der Haustür. Die Frage dazu lautet: Was trage ich gerade in mir – und will ich das weitergeben? Manchmal ist die Antwort ja, dann gehört der Ernst genau in dieses Gespräch. Wenn sie nein lautet, hast du zwei weitere Werkzeuge.

Die verlängerte Ausatmung. Vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen, drei bis vier Runden. Nichts Esoterisches, im Gegenteil – unter extremem Druck ist das der Goldstandard: Im Spitzensport und bei Einsatzkräften wird genau damit gearbeitet, dort heißt es taktisches Atmen. Der Grund ist schlicht: Deine Atmung ist der einzige Teil des Alarmsystems, den du willentlich bedienen kannst. Herzschlag und Hormonspiegel gehorchen dir nicht, die Ausatmung schon – und sie zieht den Rest nach. Das Beste daran: Niemand sieht es. Du kannst es im Meeting machen, im Auto, im Aufzug.

Der Satz. „Das ist nicht mein Stress – das ist seiner. Oder ihrer.“ Klingt banal, wirkt aber, weil er die Übertragung sichtbar macht. Und was sichtbar ist, hat seine wichtigste Eigenschaft verloren: die Unbemerktheit. Du nimmst den anderen damit nicht weniger ernst – du gehst nur nicht mehr automatisch mit.

Was das für dich bedeutet, wenn du führst

Für Führungskräfte hat die Sache einen Verstärker. Dein Zustand wird ständig gelesen: die Körperspannung, der Tonfall, wie schnell du durch den Flur gehst. Niemand macht das bewusst, alle machen es. Damit hat deine Anspannung die größte Reichweite im Raum – und deine Gelassenheit genauso.

Das heißt nicht, dass du nie angespannt sein darfst. Das wäre unrealistisch, und dein Team nimmt es dir ohnehin nicht ab. Es heißt nur: Du entscheidest, ob sie mit in den Raum kommt. Und wenn sie mitkommt, kannst du sie benennen: „Ich komme gerade aus einer schwierigen Besprechung, das hat nichts mit euch zu tun.“ Was benannt ist, muss niemand deuten. Und das Deuten ist es, was die Kette in Gang setzt.

Fünf Sekunden

Die Menschen, die mir „ist mir nicht aufgefallen“ geantwortet haben, waren keine Ausnahme. Die meisten von uns bemerken erst das Ergebnis – den Streit am Abend, die Gereiztheit, den Ton, den wir selbst nicht mochten.

Dabei braucht es keine Stunde Meditation und kein Seminarwochenende, um das zu ändern. Es braucht den einen Moment, in dem du hinschaust, bevor du weitergibst.

Was trage ich gerade in mir – und will ich das weitergeben?

Fünf Sekunden. Mehr sind es nicht.


Du erkennst dich in diesem Text wieder – und ahnst, dass bei dir längst mehr weitergegeben wird, als dir lieb ist? Dann lass uns reden: In einem unverbindlichen Gespräch schauen wir, was du gerade alles mit dir herumträgst und wie du wieder entscheidest, was davon weitergeht.

Noch nicht so weit? Alle zwei Wochen schicke ich einen Impuls für starke Leistung ohne auszubrennen – hier entlang.

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