Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung

Arbeiten mit chronischer Erkrankung

Chronisch krank – was heißt das überhaupt?

Chronisch krank – das ist ein Begriff, der wie selbstverständlich verwendet wird. Aber was heißt das überhaupt? Es gibt dafür keine einheitliche Definition – weder in Deutschland noch international.

Wenn man eine chronische Erkrankung in Abgrenzung zu einer akuten Erkrankung betrachtet, handelt es sich bei einer chronischen Erkrankung um eine länger andauernde schwerwiegende Erkrankung. Aber was heißt länger andauernd? Auch hier gibt es kein einheitliches Verständnis. Manchmal spricht man von 1 Jahr, andere Einschätzungen sprechen von 6 Monaten oder auch 2 Jahren.

Allgemein kann man sagen, dass eine chronische Erkrankung über einen langen Zeitraum die betroffene Person beeinträchtigt. Manche chronischen Erkrankungen entwickeln sich über einen längeren Zeitraum kontinuierlich, andere verlaufen schubweise. Chronische Krankheiten sind meist nicht vollständig heilbar und bedürfen häufig der fortlaufenden medizinischen Kontrolle und Behandlung, sind begleitet von Schmerzen und führen zu Einschränkungen im Alltag, die zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität führen können.

In ihrer jeweiligen Art unterscheiden sich chronische Krankheiten erheblich. So gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z.B. koronare Herzkrankheiten, Herzinsuffizienz), Krebserkrankungen, chronische Lungenerkrankungen (z.B. Asthma), Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (z.B. Arthrose) und auch psychische Störungen zu den chronischen Erkrankungen. Auch die große Gruppe der Autoimmunerkrankungen (wie z.B. Multiple Sklerose, Rheuma, Lupus, Diabetes Typ I) gehört ebenfalls zu den chronischen Krankheiten.

Generell sind Frauen von chronischen Erkrankungen häufiger betroffen als Männer. Laut eines Reports des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt aus dem Jahr 2020 bezeichnen sich etwa 43% der Frauen und 38% der Männer als chronisch krank. Mit dem Alter nehmen die chronischen Erkrankungen zu, aber auch schon Kinder und Jugendlichen können betroffen sein.

 

Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung

Häufig betrifft eine chronische Erkrankung auch Menschen zu Beginn oder während ihrer beruflichen Laufbahn. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit vor über 20 Jahren zurück, als meine chronische Erkrankung diagnostiziert wurde. Zunächst stellte ich mir viele Fragen die Krankheit betreffend. Aber irgendwann kam dann auch die Frage auf: Was bedeutet diese Erkrankung für meinen beruflichen Weg? Ich hatte eine Berufsausbildung abgeschlossen und war mitten im Studium.

 

Warum sollte man mit einer chronischen Erkrankung arbeiten?

Gerade in Phasen, in denen es mir nicht gut ging, habe ich mir häufig die Frage gestellt, die sich wohl viele chronisch Kranke schon gestellt habe: Warum muss ich mich mit der Arbeit so quälen? Wäre es nicht alles viel einfacher, wenn ich nicht arbeiten müsste oder in meinem eigenen Rhythmus arbeiten könnte?

Hast du dir darüber auch schon Gedanken gemacht?

Es gibt einige Gründe, warum man gerade auch mit einer chronischen Erkrankung arbeiten sollte:

  1. Verbleib in der Arbeitswelt

Erfahrungen zeigen, dass es nicht so einfach ist, in die Arbeitswelt zurückzukehren, wenn man erst einmal ausgeschieden ist. Es kann uns immer wieder treffen, dass wir gesundheitlich gezwungen sind, eine Pause zu machen, aber die Rückkehr nach einer Krankheitsphase oder z.B. einem Krankenhausaufenthalt ist einfacher, wenn wir noch in einem Arbeitsverhältnis stehen. Dann helfen uns auch betriebliche Wiedereingliederungsmaßnahmen, wieder in den Arbeitsprozess zurückzufinden. Schwerer wird die Rückkehr in das Arbeitsleben allerdings dann, wenn wir uns nach einer Krankheitsphase einen neuen Job suchen müssen.

  1. Mentales Wohlbefinden

Eine berufliche Tätigkeit gibt dem Tag Struktur und ist gut für die Stimmung und das Selbstwertgefühl. Es gibt Hinweise darauf, dass man gesünder bleibt, wenn man auch mit einer Erkrankung weiterarbeitet.

So zeigt z.B. eine Studie von Waddell und Burton aus dem Jahr 2006, dass chronisch Kranke, sofern ihre gesundheitliche Situation dies zulässt, ermutigt werden und unterstützt werden sollten, in ihrem Job zu verbleiben oder wieder einzutreten, da dies die Genesung und Rehabilitation unterstützt und zu besseren gesundheitlichen Ergebnissen führt. Zudem werden die negativen physischen, mentalen und sozialen Effekte einer längeren, krankheitsbedingten Abwesenheit minimiert und die Lebensqualität und der Wohlfühleffekt erhöht.

  1. Finanziell

Für viele von uns ist Arbeit gerade aus finanzieller Sicht wichtig. Finanzielle Sorgen und das Gefühl von einem Partner oder sogar noch von den Eltern abhängig zu sein, können gerade für jemanden mit einer chronischen Erkrankung eine zusätzliche Belastung sein. Rechnungen müssen bezahlt werden. Außerdem werden viele zusätzliche medizinische und therapeutischen Leistungen nicht von allen Krankenkassen übernommen, so dass auch dadurch eine zusätzliche finanzielle Belastung entstehen kann.

  1. Gefühl von Normalität

Krank zu sein führt immer auch zu einer gewissen Ausgrenzung. Als Kranker gehört man nicht mehr so richtig dazu. Zu arbeiten kann uns das Gefühl von Stärke geben und ein Gefühl von Normalität – gerade bei einem Körper, der sich häufig nicht so normal anfühlt.

Ich habe festgestellt, dass Arbeiten meinen Fokus verändert. Vor allem kurz nach meiner Diagnose war ich sehr mit meiner Erkrankung beschäftigt. Ich begann zu recherchieren, las von vielen schlimmen Schicksalen und fühlte mich immer kränker. Auch heute, in Phasen, in denen es mir nicht gut geht und ich Schmerzen habe, bin ich manchmal sehr mit mir und meiner Erkrankung beschäftigt. Zu arbeiten, die Konzentration auf die Aufgabe, aber auch die Interaktionen mit Kollegen tut mir gut und lässt meine Schmerzen in den Hintergrund treten.

 

Herausforderungen am Arbeitsplatz

Auch wenn man mit einer chronischen Erkrankung arbeiten sollte, ist dies mit vielfältigen Herausforderungen am Arbeitsplatz verbunden.

Die größte Herausforderung für uns chronisch Kranke ist wohl die Unberechenbarkeit des Verlaufs der Erkrankung. Was gestern noch ging, geht heute vielleicht schon nicht mehr. Wie oft bin ich morgens aufgewacht um festzustellen, dass ein Symptom sich verschlimmert hat oder wieder ein neues Symptom hinzugekommen ist.

Der Körper benötigt häufig mehr Ruhe und Erholungsphasen, so dass die normale Arbeitszeit schwierig werden kann – ganz abgesehen von Überstunden und Mehrarbeit.

Eine ganz besondere Herausforderung stellt sich natürlich, wenn du die Erkrankung am Arbeitsplatz nicht offengelegt hast, sondern, so wie ich es viele Jahre getan habe, die Erkrankung verheimlicht hast.

Wie kann man den Herausforderungen am Arbeitsplatz begegnen? Wichtig ist zunächst einmal, dass du einen Plan entwickelst für Zeiten, in denen es dir nicht so gut geht. Dies muss kein worst case-Szenario sein, sollte aber schon die Entwicklung der Erkrankung berücksichtigen.

 

Anpassungen am Arbeitsplatz

Einigen der Herausforderungen kann man durch Anpassungen am Arbeitsplatz begegnen.

Erforderliche Anpassungen können z.B. sein

  1. Flexible Zeiteinteilung
  2. Angepasste Pausenregelungen
  3. Umstrukturierung des Arbeitsplatzes bzw. eine Umverteilung der Aufgaben
  4. Möglichkeit von Home-Office
  5. Physische Anpassungen des Arbeitsplatzes, wie z.B. eine spezielle Sitzgelegenheit, ergonomische Arbeitsgeräte oder eine Spracherkennungssoftware

 

Faktoren für den Erfolg am Arbeitsplatz

Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist es möglich, auch mit einer chronischen Erkrankung in einem Angestelltenverhältnis erfolgreich tätig zu sein. Es kann sein, dass dies mit einigen Zugeständnissen verbunden ist wie z.B. einen Job zu akzeptieren, der weniger Verantwortung hat, wenn dies mit der Erkrankung besser vereinbar ist. Es kann auch bedeuten, dass man ein niedrigeres Gehalt akzeptieren muss.

Was auf jeden Fall erforderlich ist, ist eine andere Herangehensweise an die Arbeit. Anstatt uns permanent zu fordern, wie unsere (gesunden) Kollegen das vielleicht tun, müssen wir erkennen, wann es erforderlich ist, einen Gang zurückzuschalten, weil bzw. wenn wir einfach nicht die Energie haben, uns ständig zu pushen und über unsere Grenzen hinauszugehen. Vielleicht hast du ja schon meinen Artikel über die Löffel-Theorie gelesen.

Wichtig ist, dass wir die Fähigkeit entwickeln, strategisch zu denken und zu planen und uns vorab zu überlegen, welche Tätigkeiten zu den geforderten Ergebnissen führen. Wie kann das aussehen?

Erkenne an, was du gerade jetzt brauchst. Anstatt dem nachzutrauern, was vielleicht letzte Woche noch ging, prüfe, was jetzt gerade geht.

Lege die gewünschten Ergebnisse fest. Was möchtest du (bis wann) erreichen?

Entwickle einen Plan. Lege die Richtung fest, in die du gehen möchtest, und entscheide, welche Fähigkeiten du dazu brauchst.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg am Arbeitsplatz ist es, Unterstützer zu finden. Gerade mit einer chronischen Erkrankung benötigst du sowohl am Arbeitsplatz als auch in deinem privaten Umfeld Menschen, die dich unterstützen. Vor allem am Arbeitsplatz ist es wichtig herauszufinden, wer deine Verbündeten und Unterstützer sind oder sein können.

 

Offenlegung der Erkrankung und Kommunikation

Soll ich „es“ meinem Arbeitgeber sagen – an diesem Punkt stand fast jeder chronisch Kranke schon mal. Auf diese Frage gibt es keine Richtig-oder-Falsch-Antwort. Es ist ein Entscheidungsprozess, in dem verschiedene Faktoren zu berücksichtigen sind.

Wenn jemand die Entscheidung getroffen hat, die Erkrankung offenzulegen, dann stellt sich die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist.

Dies kann zu verschiedenen Zeitpunkten der Fall sein

  • im Vorstellungsgespräch
  • nach der Probezeit
  • erst später im Arbeitsprozess

Häufig offenbaren Arbeitnehmer ihre Erkrankung, wenn die Einschränkungen nicht mehr zu übersehen sind oder wenn Anpassungen am Arbeitsplatz erforderlich sind. Ob das der richtige Zeitpunkt ist, ist immer wieder erneut zu klären.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang dann auch die Frage: Wie viele Informationen soll ich meinem Arbeitgeber geben?

 

Karriereplanung mit einer chronischen Erkrankung

Die Planung der eigenen Karriere stellt uns chronisch Kranke vor eine große Herausforderung, denn wir wissen nie, wie sich die Erkrankung entwickelt und wie es zukünftig weitergeht. Aber gerade diese Unsicherheit verlangt eine strategische Planung. Bei der Karriereplanung geht es darum, einen Plan zu entwickeln, wie es laufen kann, wenn es einem gut geht, den man aber auch anpassen kann, wenn es einem phasenweise oder auf Dauer nicht so gut geht.

Gerade für jüngere Erkrankte, die vor Kurzem erst ihren beruflichen Abschluss gemacht oder ihr Studium beendet haben, stellt dies eine besondere Schwierigkeit dar, denn in ihrem Umfeld befinden sich vor allem Menschen, die voller Energie den Karriereweg einschlagen und keine Rücksicht auf die eigene Gesundheit nehmen müssen.

 

Jobwechsel mit einer chronischen Erkrankung

Häufig taucht im Berufsleben eines chronisch Kranken notgedrungen irgendwann auch die Frage nach einem Jobwechsel auf. Gründe hierfür können sein, dass es die Krankheitssymptome erschweren oder es unmöglich machen, den bisherigen Job auszuführen. Auch wenn man den Job heute noch machen kann, glaubt man, dass es unwahrscheinlich ist, dass dies auch zukünftig so weitergehen kann. Vielleicht hat man seinen bisherigen Job aber auch aufgrund der Erkrankung bereits verloren und ist arbeitssuchend.

Dann nach einem neuen Job zu suchen, der die gleichen Aufgaben beinhaltet, löst das Problem nicht. Auch hier sind also eine strategische Planung und ein klarer Fokus vonnöten.

 

Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung!

Arbeiten mit einer chronischen Erkrankung ist sinnvoll und hilfreich, aber auch mit vielfältigen Herausforderungen verbunden. Ein gutes Netzwerk, private Unterstützung oder externe Hilfe, z.B. durch einen Coach, können hier Unterstützung bieten.

Wie gehst du mit dem Thema Arbeit um? Welchen Herausforderungen bist du schon begegnet?

Dann schreib mir gerne eine Email oder besuche mich auf den sozialen Netzwerken.

Britta Dohr Coaching
Bussardweg 12, 47804 Krefeld
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